Der Osnabrücker Oberbürgermeister Wolfgang Griesert hatte eine „Challenge“ ausgelobt. Wenn ein Spendenziel von 600 Euro erreicht wird, würde er einen Tag lang alle seine Dienstgeschäfte mit dem Fahrrad erledigen. Das ganze im Rahmen der Aktion „Wie weit würdest Du gehen?“ von Stadtwerken und Stadt Osnabrück.

Dazu wird es wohl leider nicht kommen, denn erstens wurde das Spendenziel nicht erreicht und zweitens äußert sich der Stadtsprecher Sven Jürgensen laut der Neuen Osnabrücker Zeitung nun wie folgt:

Es hat sich herausgestellt, dass das zweite Ziel völlig oberbürgermeisterberufsalltagsinkompatibel ist

Viele Termine des Oberbürgermeisters lägen im direkten Umfeld und sein Terminkalender sei zeitlich sehr eng.

Quelle: Neue Osnabrücker Zeitung, abgerufen am 21.09.2017 um 11:15 Uhr

Diese Aussage habe ich heute früh mit enormer Verwunderung zur Kenntnis genommen. Ist ein Fahrrad nicht gerade bei Zeitdruck in einer von Stau, Fußgängerzonen und Einbahnstraßen geprägten Innenstadt im näheren Umfeld sehr nützlich? Man sollte doch davon ausgehen, dass hier viele Termine gut und besser als mit dem Dienstfahrzeug des Oberbürgermeisters erreichbar sind.

Für das von der Stadt Osnabrück und den Stadtwerken ins Leben gerufene Projekt „Mobile Zukunft – Osnabrück geht vor“ dürfte das eine verherrende Botschaft sein, kommt sie doch gerade von jemandem, der als Herausgeber auf deren Webseite aufgeführt wird. Unter anderem mit Stichworten wie:

#Nachhaltigkeit #Nahmobilität #Radverkehr #Autofrei

„Osnabrück sattelt auf!“

Da wundert es auch nicht, dass der Twitteraccount von Mobile Zukunft erstmal genau so überrascht zu sein scheint wie einige User und beim Büro des Osnabrücker Oberbürgermeisters nachfragen muss:

Doch wie bewegt sich Wolfgang Griesert überhaupt durch Osnabrück, womit nimmt er seine Termine wahr? Das Archiv der Neuen Osnabrücker Zeitung gibt dazu einige interessante Details her.

Zu Beginn seiner Amtszeit fuhr der Oberbürgermeister den Dienstwagen seines Vorgängers Boris Pistorius weiter, einen Audi A6 (Diesel). Als Ersatzwagen stand ihm da laut NOZ ein A4 zur Verfügung, sowie ein Elektroauto von Mitsubishi, zur Verfügung gestellt durch die Stadtwerke Osnabrück. Elektroauto? Klingt erstmal cool. Interessant wäre, ob das damals auch getestet wurde – der Artikel ist aus 2016.
Quelle

Auch dazu hatte Mobile Zukunft keine Antwort und verweist an das Büro des Oberbürgermeisters. Seltsam, ist das ganze doch eine Kooperation, an der auch die laut Pressebericht das Elektroauto zur Verfügung stellenden Stadtwerke beteiligt sind. Als Pressekontakt wird auf deren Webseite eine Mailadresse der Stadtwerke Osnabrück aufgeführt. Google findet den dortigen Namen in der Vergangenheit als Stadtwerke-Sprecherin. Kaum zu glauben, dass die Wege dort im Haus so lang sind, dass auch hier absolute Ahnungslosigkeit herrscht:

Doch zurück zu Wolfgang Griesert und seinem aktuellen Dienstfahrzeug. Was fährt ein Oberbürgermeister in Osnabrück denn aktuell so?

Natürlich eine Limousine der Luxusklasse, den BMW 740e iPerformance. Dieses Auto kann laut seinem Hersteller ganze 45 Kilometer weit elektrisch fahren, ansonsten wird das gute alte Benzin verbrannt. Das alles bei stolzen 326 PS. Die sind eventuell nicht für Termine im direkten Umfeld nötig, helfen aber ganz sicher bei einem zeitlich engen Terminplan… ;-)
Quelle

Laut einem Pressesprecher der Stadt Osnabrück kann die Anforderungen kein andere Elektroauto derzeit erfüllen. Ja was denn nun? Termine im direkten Umfeld, für die man dann mit dem Siebener-BMW durch die enge und von Stau geplagte Innenstadt in Osnabrück fahren muss oder doch eher die Langstrecke, die kein Elektroauto erfüllen kann?

Kaum vorstellbar, dass ein Siebener-BMW die „wirtschaftlichste Lösung“ darstellen kann, außer halt man mag partout kein Fahrrad nutzen. Nichtmal für einen Tag und wegen der Signalwirkung. Das Wolfgang Griesert die Spendensumme nun selber auf 600 Euro auffüllt, aber dennoch kein Rad fährt, lässt mich sprachlos zurück…